Endgültige Winterprognose 2018/2019

Auch wenn ich noch immer nicht auf einen grünen Zweig gekommen bin, veröffentliche ich heute meine Wintertrendanalyse 2018/2019 (salopp Winterprognose) mit diesem Beitrag.

Für alle, die nicht nur das Ergebnis (=meine persönliche Winterprognose im Resümee am Beitragsende) interessiert, habe ich in gewohnter Weise meine Recherchen, gegliedert nach

– Atmosphärische Ausgangssituation mit  Troposphären-Stratosphären Interaktion
– Einflussfaktoren/Telekonnektion
– Langfristprognosen von Meteodienstleistern

erörtert, bevor ich zu meinem abschließendem Resümee komme.

 

1. Atmosphärenzustand (Rückblick und Ausblick)

Rückblickend auf den bisherigen Verlauf des Jahres 2018 ist in der Troposphäre, auf der 500hPa-Fläche (entspricht ca. 5500m),   seit Februar, mit einem sich immer wieder aufbauenden Skandinavienhoch eine ausgeprägte Erhaltungsneigung der Geopotentiel-/Druckstruktur zu erkennen. Die gemittelte Geopotentialabweichung der 500hPa Fläche von Februar bis November 2018 zeigt die markante positive Abweichung (rot eingefärbt) über dem Skandinavischen Raum:

Quelle: NOAA

 

Da sich die Strömung auf der Nordhalbkugel um ein Hoch im Uhrzeigersinn dreht, bedeutet dies für den Alpenraum die Zufuhr  kontinentaler Luftmassen aus dem Sektor NO-SO, die im Winter naturgemäß kalt und im Sommerhalbjahr warm sind.  Im zu Ende gehenden Jahr 2018 war ein kalter winterlicher Wetterabschnitt in den Monaten Februar/März gefolgt von einem ungewöhnlich warmen Sommerhalbjahr die Folge dieser Erhaltungsneigung. Die winterliche Episode in der letzten Novemberdekade runden diese Erhaltungsneigung ab.

Exemplarisch der Klimaspiegel mit den Temperaturabweichungen für St.Pölten:

Quelle: ZAMG

 

Die Frage, die sich nun natürlich aufdrängt lautet: 
Tendiert das „Gedächntnis der Atmosphäre“ zur Erhaltungsneigung und damit zu einer Atlantikblockade mit einem winterlichen Temperaturniveau im Alpenraum, oder erfolgt das längst überfällige Ausgleichsverhalten mit einem schon fast in Vergessenheit geratenen Westwindwetter, wie wir es aktuell in der ersten Woche des meteorologischen Winters erleben.
Die Berechnungen der gängigen Modelle zeigen unisono für die zweite Dezemberwoche einen neuerlichen Aufbau eines Skandinavienhochs mit Atlantikblockade. Diese Entwicklung ist begleitet von einer Strömungsänderung von aktuell W (mild) über NW (nasskalt) und N  auf NO mit zurückgehenden Temperaturen und erheblichen Schneemengen im Nordstau, speziell oberhalb 1000m, da die Schneefallgrenze am Wochenende noch höher liegt.

 

Die nachfolgenden Karten zeigen den zugehörige synoptischen Überblick  der Entwicklung anhand der  Geopotential-/Druckstruktur in Wochenfrist:

 

Rasch wird anhand der letzten Karte ersichtlich, dass mit der herrschenden Dynamik am Atlantik, erkennbar an dem mächtigen Sturmtief, die Blockade nur von kurzer Dauer sein wird. Ich rechne, dass die winterliche Episode bald wieder von atlantikgeprägtem Wetter abgelöst wird.
Anhand der  Geopotentialanomalie für Mitte Dezember lässt sich die zu erwartende GWL gut erahnen. Zwischen dem Blockadehoch, das zur Barentssee abgedrängt wird, und dem Azorenhoch, das bis zur Iberischen Halbinsel reicht, breitet sich die atlantische Frontalzone über den Alpenraum hinweg aus NW aus:

 

Ein nasskalter Wettercharakter mit Regen in den Niederungen und weiteren Schneefällen in höheren Lagen der Nordstaulagen kündigt sich ab Mitte Dezember an.

Zur Einschätzung des Wetters bzw. der GWL über den Mittelfristzeitraum hinaus versuche ich aus der Interaktion Troposphäre-Stratosphäre Erkenntnisse zu gewinnen.

Der Energietransfer von der Troposphäre in die Stratosphäre, der durch eine frühe Schneedeckenausdehnung  im Oktober mit einem frühen Aufbau eines Kältehochs über dem sibirischen Kontinent verstärkt wird,  hat heuer mangels Schnee verzögert eingesetzt (siehe nächstes Kapitel). Der stratosphärische PW (Polarwirbel) konnte sich recht „ungestört“ entwickeln und ist auch im Stockwerk darunter, der Troposphäre, gut repräsentiert.
Die Wahrscheinlichkeit für ein Major Warming, mit einem PW-Split und einer mehrwöchigen winterlichen Wetterperiode, vergleichbar mit Februar-März 2018 halte ich heuer für sehr gering. 
Vielmehr glaube ich, dass in den kommenden Wochen inkl. Kernwinter (Jänner 2019) atlantikdominierte zonale (W)  oder gemischte GWL´s (SW, NW) vorherrschen werden. Dazwischen wird sich aber auch für einige Tage, durch Störungen im PW mit vorübergehenden Wärmeeinschüben aus der Stratosphäre, meridional winterliches Wetter oder eine Grenzwetterlage (Pattstellung zwischen Atlantiktief und Kontinentalhoch) einstellen.

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2. Einflussgrößen/Telekonnektion

Die Schneedecke in Sibirien und Nordeuropa entwickelte sich heuer im Oktober, in dem sich bei rascher Schneddeckenausdehnung  WACCy-Bedingungen mit erhöhten Energietransfer von der Troposphäre in die Stratosphäre ausbilden,  weit unterdurchschnittlich: 

Quelle: NOAA

 

Der PW konnte sich weitgehend ungestört entwickeln.

 

Die  Meereisausdehnung bewegt sich am unteren Rand der Statistik:

 

Vor allem Barentssee und Karasee, sind großflächig eisfrei, …………………

Quelle: Meereisportal

 

……………………..was  anhand der aktuellen positiven Lufttemperaturanomalie in diesem Bereich nachvollziehbar ist:

Quelle: KH

 

Die Abweichungen der Meeresoberflächentemperaturen zeigt ebenfalls den Temperaturüberaschuss im Bereich Barentssee/Karasee:

Quelle: NOAA

 

An und für sich spricht dies für eine antizyklonale Tendenz in diesem Bereich und damit für ein Zirkulationsmuster, das die sibirische Kaltluft gegen ME lenkt. Betrachtet man die Temperaturabweichungen im Nordatlantik, so sind große Gegensätze zwischen überdurchschnittlich kaltem Oberflächenwasser zwischen Davisstraße/Südgrönland („kalter Fleck“) und der Iberischen Halbinsel und südlich davon zu erkennen. Zusammen mit dem Temperaturgradienten wird dies die Tiefdruckentwicklungen und Westwindzirkulation bis auf den Kontinent anheizen und es damit dem Vordringen kontinentaler Kaltluft bis zu den Alpen schwer machen.

Über dem tropischen Pazifik herrschen in den Wintermonaten schwache ElNino-Bedingungen und vorraussichtlich noch eine O-W Strömung der  QBO. Beides begünstigt eine Schwächung des PW und damit meridionale Zirkulationsmuster über der NH. Ich glaube allerdings, dass dieser Einfluss von den oben beschriebenen Faktoren überlappt und unterdrückt wird.

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3. Langzeitprognosen von Meteodienstleistern

NOAA

Das amerikanische CFSv2-Modell, basierend auf GFS, geht von einem viel zu warmen und niederschlagsreichen Winter aus. Dies deutet auf ausgeprägte Westwindzirkulation bis in den Alpenraum hin:

 

 

NASA

Auch die NASA prognostiziert für den Alpenraum einen zu milden Winterverlauf mit überhöhten NS-Aufkommen, wobei tendenziell sich die Temperatur im Spätwinter normalisiert und die Kaltluft aus Skandinavien sehr nahe rückt:

 

ZAMG (EZ-basiert)

Die ZAMG, die den Dateninput vom europäischen Wetterzentrum aus England bekommt,  hat ihre Saisonprognose seit Ende Oktober noch nicht aktualisiert. Dies wird sobald verfügbar, ergänzt. Hat aber auf meine persönliche Schlussforgerung für den Winter keine Bedeutung.

 

DWD

Der deutsche Wetterdient bleibt bei seiner Einschätzung mit leicht überdurchschnittlicher Temperatur (+0,5 K) und durchschnittlichem NS-Aufkommen.

 

AER (Atmospheric and Environmental Research)

 Judah Cohen, ein von mir sehr geschätzter amerikanischer Atmosphärenwissenschaftler, hat eine Prognose der Temperaturanomalie im Winter (Dezember, Januar, Februar) 2018/19 anhand folgender vier Indikatoren erstellt:

El Niño / Southern Oscillation (ENSO), die Ausdehnung der Schneedecke im Oktober in Eurasien, ein Index für Blockierungslagen in den höheren Breiten und die ​Anomalie des Meereises in der Barents-/Kara-See im Monat November.

Er kommt zu fogender gemittelter Temperaturabweichung auf der NH im Winter 2018/2019:

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4. Resümee

Ich gehe von einem etwas zu milden (0,5 – 1 K) Winter 2018/2019 aus, wobei ich im Dezember bis zumindest Mitte Jänne häufig  atlantikgeprägte Wetterlagen mit überdurchschnittlichen NS-Aufkommen – vor allem in den Nordstaulagen  – erwarte.  D.h. ich rechne mit einem durchaus schneereichen Nordalpenwinter in höheren Lagen (ab 1000m) und  NS- bzw. Schneemangel südlich der Alpen. 

Ruhiges und oft antizyklonal geprägtes Wetter mit häufigeren Inversionslagen erwarte ich im Spätwinter (Feber), wenn sich der Temperaturgradient zwischen mittleren und nördlichen Breiten über dem Atlantik  reduziert hat, mit Fortsetzungstendenz in den ersten Märzwochen (meteorologischer Frühlingsbeginn).

 

Abschließend möchte ich noch eine Aussage von Judah Cohen über seine persönliche Erfahrung mit Langzeitprognosen sinngemäß zitieren:

Wer sich über Langzeitprognosen wagt, muss Demütigungen ertragen können.

Judah Cohen bringt damit zum Ausdruck, dass es sich dabei um eine noch sehr junge Wissenschaft mit einer geringen Trefferquote und „viel Luft nach oben“ handelt.

Auch mir ist bewußt, auf welch dünnem Eis man sich mit Langzeit-/Saisonvorhersagen bewegt. Mein Zugang zu dieser höchst interessanten und komplexen Materie ist allerdings nicht vom Ehrgeiz getrieben, unbedingt mit meiner Einschätzung richtig liegen zu müssen,  sondern beruht vor allem auf dem Nebeneffekt, dass ich durch meine Recherchen/Analysen atmosphärische und klimatische Zusammenhänge erkenne und dadurch mein Wissen erweitere.

2 Gedanken zu „Endgültige Winterprognose 2018/2019“

  1. Hallo Hr. Zeiler,
    danke für Ihre tolle Arbeit und Analysen! Verfolge u.a. Ihre Seite/Berichte schon seit Jahren, dieses Thema ist für mich aus beruflicher Sicht im Energiehandel ein Faktor und möchte mich auf diesem Wege einmal herzlich bedanken. Wir stehen als „kleine Beobachter“ nur staunend unserem Wettersystem bzw. der Natur gegenüber – die uns immer wieder auf das Neue überrascht . Ihre Demut der Materie gegenüber imponiert mir persönlich, wenn man sich mit der Natur befasst wird einem die eigene Unwichtigkeit bewusst! Und trotzdem möchten wir immer mehr lernen und wissen – eine Frage bleibt für mich stets: Alles Zufall oder steckt ein „Mastermind“ dahinter?
    Liebe Grüße und danke,
    Michael

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