Finale Winterprognose 2015/2016

Meine Betrachtung bezieht sich auf den meteorologischen Winter,
der die Monate Dezember, Jänner und Februar umfasst.

Sowohl Profi- als auch Hobbymeteorologen wissen, dass die langfristige Entwicklung der Witterung  mit dem heutigen Kenntnisstand und Mitteln  (noch)  nicht vorhersagbar ist.  Langfristprognosen befinden sich erst in einem experimentellen Stadium und sind bestenfalls in der Lage, Wahrscheinlichkeiten von Abweichungen einzelner Wetterparameter vorherzusagen. Und auch dabei ist die Trefferquote mit hohen Unsicherheiten versehen, weil in unserem chaotischen System von Atmosphäre und Ozean  bei weitem nicht alle Einflussparameter und deren Wechselwirkungen erforscht  sind.

Trotzdem ist es eine ungemein spannende Materie und weckt das Interesse eines jeden Meteorologieinteressierten.

Meine bereits im Sommer begonnen Gedanken zum bevorstehenden Winter habe ich im nachfolgenden Beitrag nochmals zusammengeführt, aktualisiert und mit einer endgültigen  persönliche Einschätzung abgeschlossen.

 

2015 ist ein Super-ElNino-Jahr, damit verbunden ist  ein überdurchschnittlich hoher Energieeintrag vom derzeit fast  3 K zu warmen zentralen und östlichen pazifischen Ozean in die Atmosphäre.

Vergleichbare El-Nino Bedingungen herrschten 1982 und 1997. Die Folgewinter waren damals zu mild:

1982/83: Mild-(Misch-)winter mit Dezember mild und trocken,
Jänner mild und feucht, Februar kalt und feucht
1997/98: Mildwinter mit Dezember mild und feucht,
Jänner mild und trocken, Februar extrem mild und trocken

Detaillierte Ausführungen findest du hier:
https://www.wettereck-triestingtal.at/2015/11/21/enso-el-ninosouthern-oscillation/

Diese wenigen Vergleichsjahre liefern zu wenig Datenmaterial, um daraus auf einen Mildwinter 2015/2016 zu schließen. Die Ausgangslage anderer Einflussgrößen weicht  aktuell auch von jener der zitierten Jahre ab, sodass deren Wechselwirkung zu anderen Ergebnissen führen wird.

Nach diesem kurzen Prolog nun zu den aktuellen Fakten mit meinem Resümee..

 

1. Profi-Klimamodelle

Die Klimamodelle der professionellen Meteoinstitutionen gehen von einen durchwegs zu milden mitteleuropäischen Winter aus. Dies dürfte der Gewichtung von ElNino geschuldet sein.

Nachfolgend  die Temperatureinschätzung  von ZAMG, DWD, und CPC.

 

ZAMG

30.11.2015.ZAMGwinter15-16

 

DWD

30.11.2015.winter2015-2016

 

CPC

30.11.2015.tempanomal.winter

 

Das amerikanische CPC liefert auch zu anderen Wetterparametern Modellrechnungen,  etwa für Niederschlags- und Geopotentialabweichung.  Demnach wäre im Alpenraum ein antizyklonaler Einfluss vom westlichen Mittelmeer mit unterdurchschnittlichem Niederschlagsaufkommen im Süden zu erwarten:

30.11.2015.precanomal.winter

30.11.2015.geoanomal.winter

 

2. Wichtige Einflussfaktoren,

auf die ich in einer früheren Betrachtung (link) bereits eingegangen bin, möchte ich nachfolgend vollständigkeitshalber nochmals anführen bzw. aktualisieren.

 

Die Aussagen zu Sonnenaktivität (gering) und QBO (Umstellung von West auf Ost zu Beginn 2016) sind noch aktuell.

 

Die Schneebedeckung im eurasischen Raum, ein Indikator für die Ausprägung des kontinentalen Kältehochs und damit potentiellen Kaltluftvorstößen nach ME hat sich überdurchschnittlich und damit zunächst recht winterfreundlich entwickelt:

30.11.2015.eis-eurasien

Quelle: link

 

30.11.2015.schneeausdehnung

Quelle: link

 

Der außergewöhnlich warme November mit Warmluftadvektion bis zum Ural hat allerdings dem bereits vorhandenen Schnee im europäischen Teil des Kontinents und in Teilen Skandinaviens stark zugesetzt und die Kälte nach Sibirien zurückgedrängt. Kälte ist dort ausreichend vorhanden, der Weg nach ME ist allerdings weit, sodass im Frühwinter Kaltlufteinbrüche vom Kontinent unwahrscheinlich sind.

 

Auf den möglichen  Einfluss des ElNino Phänomens auf den Winter in Europa und damit im Alpenraum bin ich in dem im Prolog zitierten Beitrag ausführlich eingegangen.

Ein Auszug daraus:

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Schweizer Forscher haben für El Nino Jahre eine Häufung folgenden Musters gefunden: schwacher Polarwirbel (polar vortex), warme arktische Stratosphäre, viel Ozon über der Arktis. Insgesamt kommt es dabei in Nordeuropa zu kälteren und trockeneren Verhältnissen, während im südliche Europa und dem Mittelmeerraum feuchtere und mildere Winter vorherrschen. Statistische Analysen der Universität Frankfurt weisen auf einen Einfluss von El Nino auf die Nordatlantik-Oszillation und damit auf das europäische Wettergeschehen im Winter hin. Tendenziell ist der NAOI in El Nino-Jahren niedriger, ein Indiz für Neigung zu meridionaler Zirkulation.

Andere Studien (Moron, V., and G. Plaut,2003 ) bestätigen den Einfluss der Southern Oscillation auf die nordatlantische Oszillation, allerdings mit unterschiedlicher Auswirkung im Früh- und Spätwinter. El-Nino-Ereignisse führen in den Monaten November/Dezember zu einer Verstärkung der NAO und einer zunehmenden Häufigkeit zonaler Wetterlagen. Nach Nordwest- und Nordeuropa strömen dann relativ milde und feuchte atlantische Luftmassen ein, während die Mittelmeerregion relativ trocken bleibt. In der Zeit von Januar bis März kommt es eher zu einer Abschwächung der NAO, wodurch das kontinentale Hoch über Osteuropa sich weiter nach Westen ausbreiten kann. Die atlantischen Tiefdruckzonen verlagern sich von Irland nach Mitteleuropa und bringen dem mediterranen Raum verhältnismäßig große Niederschläge. Erklärt wird dieser Effekt durch den Einfluss des pazifischen Aleuten-Tiefs auf das atlantische Island-Tief. Das Aleuten-Tief ist während eines El-Nino-Winters ungewöhnlich stark ausgebildet. Dies führt zu Advektion milder maritimer Luftmassen nach Nordamerika und zu hohen Temperaturen besonders über Kanada. Damit wird der ansonsten im Winter starke Temperaturgradient Land-Meer im nordwestlichen Atlantik deutlich abgeschwächt. Als Folge entwickeln sich weniger Tiefdruckzellen über diesem Gebiet, das Island-Tief füllt sich auf, und die nördliche Frontalzone wird nach Süden Richtung Mittelmeer abgedrängt.

Eine neuere Studie (Butler, 2014) verweist auf einen stratosphärischen Pfad, der das ENSO-Signal bis nach Europa und die arktische Region leitet. Dadurch wird das seit einigen Jahrzehnten bekannten Phänomens der plötzliche Stratosphärenerwärmung (sudden stratospheric warming , SSW;Major Warming, MW) begünstigt. Die Folge sind Störungen im Polarwirbel bis hin zu einem Polarwirbelsplit mit arktischen Kaltluftausbrüchen in die mittleren Breiten. Diese finden bevorzugt über Landmassen statt, wie Nordamerika und Europa.

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Gerade das im letzten Absatz erwähnte SSW könnte heuer zum Zünglein an der Waage für den Wintercharakter werden. Häufiger treten Major Warmings in Jahren mit El Nino Bedingungen auf bzw. in Abständen von 2-3 Jahren. Da in den letzten beiden Wintern keines eingetreten ist, hat es heuer eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit..

Für mich stellt ein mögliches/wahrscheinliches Major Warming zum Jahreswechsel einen Indikator für Kälteperioden in den Monaten Jänner/Februar dar.

 

Maßgeblichen Einfluss auf unsere Witterung im Winter hat der Nordatlantik, an dessen Oberfläche der milde Golfstrom verläuft.
Eine seit langem anhaltende und sich derzeit sogar leicht verstärkende negative Temperaturanomalie in Bereichen des Nordatlantiks gibt mir Rätsel auf:

30.11.2015.sst_anom

Quelle: link

 

Schwächelt der Golfstrom?  Wie wirkt sich das auf unser Winterwetter aus?

In meinen Recherchen konnte ich keine wissenschaftlich fundierten Aussagen finden, die  Rückschlüsse dieses Phänomens auf den bevorstehenden Winter zulassen.

Meine persönlich Interpretation:

Durch das kältere Oberflächenwasser reduziert sich der Temperaturgradient zu der darüber strömenden winterlichen Kaltluft. Dies wirkt meines erachtens stabilisierend und begünstigt die Ausbildung von Hochdruckgebieten und damit Blockinglagen am Atlantik. Eine nördliche und damit kalte Strömungskomponente im Alpenraum wäre die Folge.

 

Das aktuelle troposphärische Zirkulationmuster zwischen Nordamerika und dem asiatischen Kontinent sieht derzeit sehr unwinterlich für den europäischen Raum aus. Gemäß meiner synoptischen Analyse vom 29.11.2015  bestimmen zum meteorologischen Winterbeginn ein Tiefdruckkomplex von NO-Kanada über Island bis Skandinavien auf der einen Seite und als Gegenspieler die subtropische Hochdruckzone von den Bermudas über die Azoren bis in den westlichen Mittelmeerraum auf der anderen Seite die Druckverteilung am Nordatlantik.  Dazwischen drängen sich die Isobaren. Die resultierende GWL ist eine glatte, zonale, milde und stürmische Westlage. Nach derzeitigen Modellrechnungen wird uns dieses Strömungsmuster zumindest in der ersten Dezemberdekade erhalten bleiben.  Umstellungen werden zwar immer wieder angedeutet, doch die Erhaltungsneigung gewinnt in den Modellsimulationen immer wieder Oberhand.

So gehen in den letzten Modellrechnungen sowohl das amerikanische GFS als auch das europäische ECWMF von einer Erhaltung des atlantikgeprägten milden Westwetters aus:

30.11.2015.EDH1-240

 

30.11.2015.gensnh-21-1-240

 

Auch der stratosphärische Polarwirbel wird zum Ende der ersten Dezemberdekade zentriert und damit „gesund“ berechnet. Mit einer gravierenden Störung durch Erwärmung und in weiterer Folge Auswirkungen auf den troposphärische arktische Zirkulation ist damit auch in der zweiten Dezemberdekade nicht zu rechnen:

30.11.2015.gfsnh-10-240

 

Erst am Ende des Berechnungszeitraumes deutet GFS Umstellungstendenzen in Richtung winterfreundlicherer Zirkulation an.

Exemplarisch Temperatur- und Geopotentialkarten  des aktuellen GFS-Laufes im noch spekulativem Bereich Mitte Dezember:

30.11.2015.gfsnh-1-372

 

30.11.2015.gfsnh-0-372

 

Wie stehen nun die Chancen auf einen nachhaltigen winterlichen Abschnitt aus „troposphärischer“ Sicht im weiteren Verlauf?

Nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren werden Erhaltungsneigungen immer zäher.  Auf der anderen Seite tendiert die Atmosphäre über längere Zeit betrachtet zu einem Ausgleichsverhalten. Z.B. folgt auf eine warme trockene Periode oft ein längerer kühler feuchter Witterungsabschnitt. So geschehen heuer mit dem Hitzesommer und den folgenden kühlen Monaten September/Oktober. Erfahrungsgemäß passieren Umstellungen von eingeschwungenen Großwetterlagen nicht abrupt, sondern in mehreren Schritten. Nimmt man jetzt den milden November mit seinem winterlichen Einschub in der letzten Dekade, so erfolgt gerade die Rückkehr zur Erhaltung des milden Zirkulationsmusters. Die nächsten Umstellungsversuche, die wie erwähnt für die zweite Dezemberdekade simuliert und von den letzten beiden Karten dokumentiert werden, können dann durchaus ein längeres winterliches Zirkulationsmuster  hinterlassen.

 

Unter Einbeziehung dieser Gedankenspiele und der davor beschriebenen Szenarien anhand der betrachteten Einflussgrößen sieht meine persönliche Einschätzung für den bevorstehenden Winter 2015/2016 wie folgt aus:

Mischwinter mit Mild- und Kaltphasen.
Recht milder Start in den Dezember,  Umstellung  auf einen kälteren Witterungsabschnitt erst in der zweiten Dezemberhälfte;  damit gute Chancen auf Schnee zu Weihnachten und Ausfall des Weihnachtstauwetters.
Markantere Kälteperioden erst  im Hoch- und Spätwinter durch zeitweilige Meridionalisierung der Zirkulation (Folgen stratosphärischer Auswirkungen).
Dazwischen Mildwettereinschübe.
Unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen an der Alpensüdseite und generell über den gesamten Winterzeitraum gesehen leicht zu mild..
Schneedecke von längerer Dauer nur in höheren Lagen (>600m).

P1020067-2

2 Gedanken zu „Finale Winterprognose 2015/2016“

  1. Lieber Franz,
    wir haben schon gewälzt,
    trotzdem großes Kompliment an Deine unerschöpfliche Akribie –
    im besten Sinne!
    Unsereins fehlt häufig die Tiefe in der Zeit….
    Ich hoffe ebenso einmal in der Lage zu sein, eine wissenschaftliche Genussphase
    ohne Projektadmin zu erleben 😉

  2. Ich bin heute erstmals auf Ihre Website gestossen. Ich bin extrem beeindruckt von der Fülle und der Qualität des präsentierten Materials (auch der Bilder). Wünsche weiterhin viel Spass mit dem überaus spannenden Thema.

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